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Tourenberichte

Ein schwieriger Tag im Fels

Mit Fäbu steige ich zum Einstieg meiner Projekte hoch. Wir wollten eigentlich sanieren gehen, doch das Wetter gefiel uns nicht so ganz. Eine gute Gelegenheit also, einmal seit Jahren an meine Projekte zu gehen, die ich eingebohrt hatte, aber noch nie die Gelegenheit hatte, sie zu klettern. Bei dieser Gelegenheit konnte ich die Standplätze erneuern und die Verbindungsseilstücke ersetzen.
Also zuerst an die Platte. 35 m mit nur wenigen Haltepunkten, steil, griff- und fusstechnisch anspruchsvoll. Ich war guter Dinge und motiviert. Stieg ein, klinkte den ersten Haken und wollte den Fuss hochnehmen. Doch es ging nicht – ich traute mich nicht. Der Seitgriff links war zwar relativ gut, doch der Tritt wo der linke Fuss hin sollte, war mir zu wenig gut. Ich hänge mich ins Seil. Hm…, ist verdammt hart hier… Ich habe es schon einmal aus dem Toprope heraus geklettert. Aber jetzt sehe ich kein Land… Aus dem Hängen heraus konnte ich mich weiter zum zweiten Bolt hochkämpfen, dann war wieder Sense. Den Fuss auf einem hohen, leicht nach links abschüssigen Tritt und mit Pendelbein den kleinen Griff links nehmen – tut das weh - stossen und oben eine kleine Leiste, clippen. Die Wand erschien mir glatt, konnte keine Griffe und Tritte erkennen, sah nicht einmal im Entferntesten, wie ich nun weiterklettern soll. Sloperleisten und kleine scharfe Griffchen, die eine hohe Schmerztoleranz erfordern - eine zu hohe für mich. Die Finger taten jetzt schon weh. Ich entschloss mich, mich von Haken zu Haken hochzuschummeln, um an den Standplatz zu gelangen. Doch irgendwann musste ich wieder Stellen zwischen den Haken klettern – ich traute mich nicht. Offenbar nicht der Tag heute! Ich hatte keinen Stich, nicht den Hauch einer Chance. Das Winterprogramm ist also klar: Fingerkraft- und Schmerztoleranz sowie Fusstechnik trainieren…                                                                                                                
Ich seilte wieder ab, und wir gingen weiter rechts über die nächste Route hoch zum anvisierten Standplatz. Doch auch in einer 6a hatte ich Angst, fühlte mich unsicher, musste sogar ins Seil sitzen. Ich erreichte den Standplatz dann doch noch. Fäbu folgte – auch er fühlte sich nicht sicher in den Wasserrinnen. Ja, gehen wir mal schauen… Vielleicht geht ja die zweite Seillänge meines Projektes besser. Ich habe sie im 2008 alleine von unten eingebohrt, mit dem Soloist habe ich mich dabei gesichert. So stieg ich also weiter hoch, bis an den Fuss der Verschneidung.

Nun stand ich da, hatte die Hose voll, war unsicher, Fäbu sprach mir noch Mut zu und wünschte mir viel Spass… Ja Spass… Wir werden es sehen. Immer noch lag die Wand im Schatten, angenehm zum Klettern. Zum Sichern möglicherweise nicht. Der erste Haken stak sehr weit oben. So fühlte es sich jedenfalls mal an. Ich clippte ihn auf etwa fünf Metern Höhe, dann unters Dach. Die Querung nach rechts erschien mir sehr griffarm, doch ich erreichte die Schuppe rechts und konnte zitternd den dritten Haken clippen. Puh, wenn das so weiter geht… Bin völlig verkrampft. Die folgende Verschneidung war mit Friends abzusichern. Verdammt musste ich gut in Form gewesen sein – damals… Voller Angst kämpfte ich mich Zentimeter für Zentimeter mit dem Rücken an der linken Verschneidungswand und die Füsse rechts auf Reibung unter einer feinen Schuppe höher. Für die Finger war die Schuppe recht gut, doch die Fusspositionen fand ich schrecklich. Kurz ein paar Meter etwas leichtere Kletterei, rechts noch ein Haken, dann weiter einen Doppelriss hoch. Ich hatte einen Riesenkloss im Bauch. Traute mir nichts zu, hatte zittrige Beine während des Hochspreizens – meine damals gesetzte Absicherung empfand ich als sehr sportlich. Wie sich die Zeiten ändern können… Ich versuchte zuerst rechts in der Verschneidung hochzukommen, doch so konnte ich den guten Griff oben nicht erreichen. Also zurück und links hochspreizen. Ich hatte das Gefühl, schon Stunden in diesem Riss- und Verschneidungssystem zu kämpfen. Ich war wirklich langsam. Doch mit runteratmen konnte ich mich wieder etwas beruhigen und war bereit die nächste Etappe zu klettern. Unvermittelt stand ich am Anfang der steilen Schuppe wo ich bei der Erstbegehung ziemlich Gas geben musste, weil sich ein Gewitter anbahnte. Deshalb sind die Abstände der Haken hier klar geringer – mir war es recht so.                                                       
Die Schuppe ist recht gutgriffig, nur für die Füsse war es etwas schwieriger geeignete Positionen zu finden, um den Körper zu entlasten. Mit dicken Unterarmen clippte ich den letzten Bohrhaken. Noch ein etwas wackliger Schritt vom Haken weg und nach fünf Metern erreichte ich total fertig den Standplatz nach 40 Klettermetern. Zentralkarabiner, Selbstsicherung, «Fäbu - Stand» Haken verbinden, HMS Karabiner rein, Seil einziehen, Seil in den Karabiner legen – «kommen»!  Durchatmen. Langsam entspanne ich mich. Ich konnte mir kaum vorstellen, dass ich diese Seillänge alleine eingerichtet habe. Es ist schon noch ein Unterschied, ob ich alleine eine Route einrichte oder ob ich einen Partner habe, der mich sichert.                                                                                                                             
Fäbu klettert los, er ist vom langen Warten durchgefroren, doch es wurde ihm bald warm. Er erreicht den Standplatz bei mir. Ich danke ihm für die Geduld die er hatte, um mich hier so lange zu sichern. Vorsichtig wechselten wir den Standplatz aus und verbanden die Haken wieder mit einem neuen Seilstück. Seil durch den Ring einfädeln und nach dreimal abseilen standen wir wieder auf sicherem Boden.

Es war ein hartes Stück Arbeit, die Route zu punkten, doch brilliert habe ich nicht dabei. Das Ganze zu bewerten ist an einem solchen Tag sehr schwierig. Ich werfe mal eine sehr vorsichtige 6b ein. Fäbu meint, es sei schwerer… Wir werden die Route nochmals klettern und danach mehr wissen…

Ein etwas schwächerer Tag hat mich zurückgebunden. Es war ein Kampf. Klar, die Realisation des ersten Projektes ist noch um Lichtjahre entfernt. Da hätte ich auch an einem (sehr)guten Tag kaum eine Chance gehabt. Doch das Projekt bleibt – ich werde wieder kommen!




Zurück an alter Wirkungsstätte

Ich trainiere – ein paar Einarmige, dann mit Gewichtsentlastung – es folgen Zweiarmige bis nichts mehr geht – Liegestützen bis ich mich nicht mehr halten kann – etwas Entspannung an der Zugmaschine – alles tut weh – der ganze Körper zittert – ich bin wieder da – bin motiviert, lebe.
Nach dem Bizeps Sehen-Riss kam ich wieder – auch jetzt, nach dem unglücklichen Halswirbel-Bruch bin ich zurück. Es brauchte viel Energie und Motivation, mich wieder hochzutrainieren…
Ich war oft auf dem Boden, wurde angezählt – nicht nur physisch, auch psychisch – eine schwierige, anstrengende Zeit hat mir viel Energie und Motivation gekostet. Doch ich bin immer wieder aufgestanden und habe weitergekämpft – fair weitergekämpft… Es ist wahrlich nicht mehr meine Zeit… doch ich muss damit leben, das Beste daraus machen, auch wenn ich in gewissen Entwicklungen keinen nennenswerten Mehrwert sehe!
Seit geraumer Zeit habe ich wieder meine Gedanken in der Schlossbergwand. Immer noch hängt mein Materialsack auf dem ersten Band, 250 Meter über dem Einstieg – aber auch 250 Meter unter dem Pfeilerkopf.
Am Pfingstsamstag habe ich mit meinem Gast Ralph Bohrhaken und Sanierungsmaterial auf die Spannort Hütte getragen. Wir wollten Material und Essen die Wand hochziehen. Am ersten Tag bis zum Band, dort biwakieren, anschliessend weiter mit dem gesamten Biwak Material hoch zum Pfeilerkopf, dort die Biwak Nische suchen, einrichten, übernachten und am dritten Tag noch ein zwei Seillängen am Pfeilerausstieg oder meinem Projekt beginnen.
Die Bise lag über Engelberg. Der Wetterbericht meldete gut, vereinzelt kurze Schauer in den Bergen, jedoch relativ kühl.
So packte ich auf der Hütte das noch fehlende Material in den Haulbag. Bis zum eigentlichen Einstieg auf dem Vorbau trug ich den Materialsack auf dem Rücken. Er ist schwer. Ich montiere ihn jetzt am Nachziehseil, binde das Nachziehseil an mir an, bevor ich Ralph nachsichere. Er ist immer noch brutal motiviert, ein Fallschirmgrenadier, der im letzten Jahr bei mir an einem Grundkurs teilgenommen hat. Schon im Vorfeld habe ich mir Gedanken gemacht, wie ich den Haulbag über den Quergang bringen soll, so dass er nicht zu weit pendelt und doch nicht zu viel Seilzug entsteht. Ich clippte das Nachzugsseil in jeden zweiten Express ein, in der Hoffnung, dass die beiden Seile doch noch einigermassen laufen würden und ich jedes Seil einzeln gut nachziehen konnte. Vor allem Ralph, der hinter dem Sack her kletterte und bei Bedarf den - möglicherweise verklemmten - Sack aus den Rissen und Dächern wieder löste. Es war sehr anstrengend, doch am Schluss hatte ich den Sack und Ralph bei mir am Standplatz. Das Klettern machte Spass, doch das Nachziehen des Sackes war eine Tortur. Bald spürte ich krampfartige Erscheinungen in meinen Armen. Im Adlerhorst begann es dann auch zu allem Überfluss noch zu graupeln. Zuerst nur leise, dann überzog sich der Fels mit einem leichten Wasserfilm… Langsam wurde es auch empfindlich kühler. Der Sack verklemmte sich mehrere Male. Während der letzten Seillänge vor dem Band zog ein graupelartiger Schauer über uns weg.


Die Felsen wurden nass, auf den Bändern blieb der Graupel liegen und zusammen mit dem Nebel der nun die Wand einhüllte, bekam unser Unternehmen eine winterliche Atmosphäre. Da sich Ralph mit den Verhältnissen und der zunehmenden Ermüdung in der Verschneidung schwer tat und sich die Kommunikation mühsam gestaltete, seilte ich mich noch einmal ab, um nachzusehen, was unten los war. Habe sicher eine halbe Stunde gewartet – weder der Haulbag noch Ralph bewegten sich ein paar Zentimeter. Ralph war dran im Selbstaufstieg dem Seil entlang hochzusteigen, weil er den Einstieg in die Verschneidung nicht geschafft hatte. Doch er hatte die Technik nicht mehr intus, so dass ich ihm einen Refresher vermittelte. Ich stieg meinerseits auch dem Seil entlang hoch. Oben bemerkte ich, dass an mein Ringfinge an der linken Hand die Haut wegegeschürft war und ich blutete.



Endlich erreichten wir das Band. Für die letzte Seillänge brauchten wir drei Stunden…!
Ich war müde und froh, nicht mehr weiter klettern zu müssen. Biwak einrichten: Geländerseil spannen, Bohrhaken setzen, Liegeplattform bauen und dann trinken und essen.
Es war etwa halb acht am Abend. Es hatte aufgehört zu graupeln, der Himmel öffnete sich wieder, die Sonne zeigte sich, drang aber nicht mehr zu uns rüber, weil wir uns im Schatten des Pfeilers befanden. Ralph war ziemlich müde. So streng hat er sich diese Arbeit dann doch nicht vorgestellt.



Am nächsten Morgen hingen hohe Wolken am Himmel. Es war empfindlich kalt. Ich sagte Ralph am Abend schon, dass die Sonne scheinen müsse, damit ich weiter gehen würde, sonst wäre der Fels zu kalt und noch einmal in Graupel zu kommen, hatte ich keine Lust. Ralph war froh, dass er nicht mehr klettern musste. Ich bohrte noch einen Sicherungshaken und einen Standplatz weiter recht der Abseilstelle. Er soll etwas den Seilzug vermindern, der ohnehin in der letzten Seillänge vor dem Band entsteht. Wir seilten sechs Mal ab und gingen zur Hütte. Dort wollte ich in die Küche gehen - als Hüttenverwalter der Spannort Hütte hatte ich natürlich einen Schlüssel – als ich in die Küche trat sah ich, dass keine geeignete Möglichkeit bestand um über die Küchenüberbauung zu den Fenstern zu gelangen, um die Fensterläden zu öffnen. Ich legte den Schlüssel auf den Küchentisch und ging hinaus in den Aufenthaltsraum, um einen Stuhl zu holen. Als ich zurückkam war die Türe ins Schloss gefallen und nicht mehr zu öffnen. Ich regte mich gewaltig auf. Auf der anderen Seite der Küche hätte ich eine normale Türe mit Falle gehabt, die sich jederzeit wieder öffnen liesse.
Ja, zu meiner Zeit war alles noch anders. Da hatte man noch keine Türen die nur von einer Seite her zu öffnen waren… Also, dann halt ohne Wein ein Nachtessen geniessen.
Wir gingen noch an der Schwarzen Wand einen Standplatz sanieren. Anschliessend betätigten wir den «Jetboil», den ich für die Hütte während der Winterzeit organisierte und als Winterequipement für wichtig erachtete. Mindesten für uns hier und jetzt, hat es sich schon mal gelohnt. Eine Packung mit Spinatteigwaren, die von Hüttengästen hierlassen wurden, konnten wir zum Abendesse wärmen und geniessen. Im «Schlossberg» schliefen wir und erholten uns vom Vortag und der Biwak Nacht.
Am Pfingstmontag, wollte ich mit Ralph noch an die Äbnetwand. Schon beim (steilen) Zustieg jammerte er, wie anstrengend und steil es hier sei. Nach der ersten Seillänge wollte er dann nicht mehr weiter. Ok, wir steigen ab, dann gehen wir ins Bier und Du bezahlst. Ja, ja, kein Problem – entgegnete er mir. Im Stäfeli trank ich ein «Chrüter» und ass einen Wurstsalat ohne Zwiebeln. Im Desirée dann die Bieraktion. Das ein oder andere Bier war wohl zu viel… Danke Ralph.
Wir hatten das Material auf dem Band komplettiert. Ich muss zwar noch einmal hoch, doch dieses Mal wird es bis zum Band angenehm sein, ohne Zusatzgewicht…
Für Mittwoch, den 24. Juni 2020 habe ich mit Fabian, der Hüttenhilfe auf der Spannort Hütte abgemacht. Er war schon vorher interessiert und motiviert, in die Wand mitzukommen. Andy der Hüttenwart hat ihm für diesen Tag frei gegeben.

Am Dienstag arbeitete ich noch an meiner Power Point Präsentation über die Alpingeschichte. Ich hatte ein ungutes Gefühl im Bauch. Einerseits wegen einer Geschichte der vergangenen Zeit.  – andererseits drehten sich meine Gedanken stets um den Südwest Pfeiler, ob es mir dieses Mal gelingen würde mein Ziel zu erreichen und wie meine Haulbag Technik noch zu verbessern wäre. Ich hatte keine Ahnung wie gut Fabian klettert, wie wirklich motiviert er ist und wie seine Physis sich präsentieren würde. Vielleicht würde ich ja versagen, würde mich den Mut verlassen. Immerhin sind es vierzehn Seillängen meist im sechsten Grad und (von mir) nicht gerade plaisirmässig abgesichert. Zudem kassierte ich noch einen kleinen Zwick in der Schulter während des Krafttrainings am Montag. Dies beunruhigte mich aber nicht allzu sehr, trotzdem war der Gedanke im Hinterkopf. Werden wir es schaffen, mein Ziel dieses Mal zu erreichen? «Es wäre schon cool» habe ich noch zu Marianne gesagt. Ich war froh, als ich dann am Dienstag endlich losgehen konnte. Mit jedem Meter wo ich der Schlossberg Wand näher kam, schwanden die Bedenken und das Selbstvertrauen stieg. In gemütlichen vierzig Minuten stieg ich mit leichtem Gepäck von der Hirti Hütte aus auf zur Spannort Hütte.
Ich nahm mir Zeit, das Material zu präparieren und mich noch etwas auszuruhen. Die letzten Nächte schlief ich nicht gut. Auch diese Nacht wird wohl kaum ein «Highlight» werden. Um vier Uhr wollten die Spannörtler mit Sämi, Fredy und seinen Töchtern das Morgenessen, also schloss ich mich dieser Zeit an, um nicht zwei Termine zu provozieren.
Um vier Uhr waren wir alleine, die Anderen hatten sich kurzfristig auf halb fünf umentschieden. Na bravo, dann hätten wir auch noch eine halbe Stunde länger schlafen können. Es war eh noch zu früh, ich wollte erst gehen, wenn es zu dämmern beginnen würde.
Viertel vor Fünf verliessen wir die Hütte, um viertel vor Sechs startete ich vom Vorbau aus in die Querung. Etwas nach neun Uhr erreichten wir das Band. Wir waren meinem Zeitplan klar voraus. Fabian hatte riesigen Spass an der Kletterei und war schnell. Es freute mich sehr. Ich war glücklich und zufrieden, als wir auf dem Band sassen, etwas tranken, assen und den Haulbag mit dem roten Sack füllten. Das Haulseil zog ich raus und habe es an mir befestigt. Nur die Liegematten liessen wir noch auf dem Band zurück. Die könnte man später mal mitnehmen, sie sind nicht schwer und einigermassen gut im Rucksack verstaubar.



Die ersten beiden Seillängen sind steil. Es gab kaum Probleme mit dem Nachziehen des Sackes. Ab der dritten Länge würde das Gelände etwas flacher, die Risse begannen den Sack aufzuhalten und zu verklemmen. In der Schlucht dann eggte der Sack dauernd an, die Zeit verstrich, ich konnten den Sack nicht mehr allzu weit voraus hochziehen, da er im etwas splittrigeren Gelände dauernd Steine löste, die krachend zu Tale donnerten und Fabian bedrohten. Deshalb liess ich ihn vor dem Sack her klettern, damit er unmittelbar neben oder darüber den Sack befreien konnte. Die Nachziehaktionen brauchten Zeit. Das Vorsteigen und Nachziehen der Last, machte sich in meinem Kopf und Körper bemerkbar.


«Bin dann schon froh, wenn wir oben auf dem Pfeilerkopf sind» sagte ich mal zu Fabian, der immer noch begeistert von der Route und vom Murksen war. Cool, dachte ich, mit einem Partner unterwegs zu sein, der sich nicht beschwert, der mich nicht korrigiert und an meiner Arbeit oder meinem Tun nörgelt. Fabian ist ein ruhiger Typ – ich genoss es sehr, in dieser lockeren Atmosphäre klettern und arbeiten zu können.
Nachmittags um halb zwei erreichten wir den Pfeilerkopf. Ich war froh, müde, und doch hatte ich mein Ziel noch nicht erreicht. Wo soll ich den Sack denn nun deponieren? Für Fabian war der Tag soweit gelaufen, seine Füsse schmerzten und er teilte mir mit, dass er nicht mehr mitkommen würde, um die Biwak Nische zu suchen. «Ich möchten den Biwak Platz noch suchen gehen» sagte ich zu Fabian. «Ich gehe mal schauen, nehme das Hauling Seil mit und werde es beim Biwak Platz deponieren, wenn ich ihn gefunden habe. Werde dann zurückkommen und den Haulbag holen und ihn oben aufhängen.
So stieg ich links des Grates über Schutt und abschüssige Platten in den Kletterfinken hoch, über Schutt und kleine Stufen in den grossen Kessel vor der Gipfelwand hinein. Rechts am Grat habe ich eine Möglichkeit entdeckt, den Sack zu deponieren, falls ich den Biwak Platz nicht finden sollte. Doch irgendwie hatte ich stets das Gefühl, dass ich ihn finde. Links oben lag noch ein Schneefeld. Vielleicht ist er noch vom Schnee bedeckt? Der Instinkt zog mich aber nach rechts hoch, wo ich das Biwak stark vermutete. Ich stieg über mit Geröll bedeckte Felsen etwa zehn Meter hoch und stand unvermittelt vor dem Biwak Platz. Er ist mit Steinen abgegrenzt. Es stecken noch zwei Blechhaken und ein Geschlagener. Zu zweit hat man super Platz zum Biwakieren. Oben im Überhang sah ich eine Möglichkeit den Sack aufzuhängen, damit die Mäuse nicht das Material, vor allem Kleider und den Schlafsack zerbeissen. Ich atmete auf! Gefunden. Gleichzeitig der Seufzer – ach, ich muss nochmals runter – muss denn das wirklich sein? Ja es muss! - den Materialsack holen und erneut hochsteigen. Dieses Mal mit 20 Kilo Material und so ziemlich müde. Nur mein Wille bewegte mich noch einmal hoch. Ich brauchte sicher eine halbe Stunde für den zweiten Aufstieg. Im Überhang setzte ich einen Bohrhaken, hängte den Sack auf, spannte ihn nach hinten ab, damit er sich im Wind nicht allzu sehr bewegt und aufschürft. Der Platz ist ziemlich geschützt. Gegen Norden ausgerichtet – eine etwa zwei Meter ausladende Höhle. Die Bohrmaschine liess ich oben. Nahm nur den Akku mit runter.



Völlig ausgelaugt und dehydriert, aber glücklich stieg ich wieder zu Fabian ab, der am Pfeilerkopf wartete.  Nun spürte ich, dass mir alles weh tat. Die Füsse, der Rücken, die Arme, Finger und der Kopf war leer. Es ist inzwischen drei Uhr am Nachmittag geworden. Zeit, den letzten Schluck aus der Flasche zu nehmen, einen kleinen Schokoriegel vertilgen und dann bereitmachen für die zehnfache Abseilfahrt. Wir ermahnten uns noch einmal, immer gut aufzupassen, uns immer anzubinden und die Karabiner zuzuschrauben. Es ging alles gut, nach vier Uhr erreichten wir das Band und nach weiteren vier Abseilfahrten standen wir auf dem Schuttrücken, wo wir sehr gerne wieder in unsere bequemeren Schuhe schlüpften. Abstieg über den schuttbedeckten Vorbau, kurz einmal Abseilen, dann durch die steinige Rinne runter und auf der anderen Seite kurz die Moräne hoch, zum Weg queren und in fünf Minuten zur Hütte runter, die wir um viertel vor Sechs erreichten. Etwas trinken, das Material versorgen und Verabschiedung auf der Hütte. Alle waren glücklich: Andy, dass Fabian gerade rechtzeitig zum Kochen zurückkam, Fabian einen guten Tag hatte und ich mein Ziel, das Material endlich auf dem Pfeilerkopf deponieren zu können, erreicht habe.
So stieg ich ab und erreichte völlig zerstört, physisch und psychisch am Ende – Engelberg. Aber dieses Mal war es ein schönes Gefühl…


Drei Skitourentage in der Zentralschweiz mit den Siegern der PdG 18

In der laufenden RS nahmen zwei Spitzen-Skitourenalpinisten aus der Romandie teil. Sie hatten oft für Wettkämpfe und Trainings frei bekommen. Somit fehlten sie auch während eines grossen Teils der Grundausbildung, welche sie aber gut nebenbei nacharbeiten konnten. An der Patrouille des Glaciers wurde Esteban mit seiner Patrouille auf der langen Strecke dritter. Pierre’s Patrouille gewann das Rennen von Arolla nach Verbier!

Während dieser Woche wo die PdG stattfand hatten die beiden Urlaub bekommen, um an diesen Wettkämpfen teilzunehmen. Gleichzeitig fanden bei uns die Bewährungstouren zur Winter Geb Spez Prüfung statt. Um ihnen die Chance zu geben, diese Touren noch nachzuholen und die erforderlichen Punkte zum Bestehen der Gebirgsspezialisten RS zu erreichen, durfte ich ein Programm zusammenstellen, um mit den Sportlern während der Durchhaltewoche diese Prüfungen durchzuführen.

So habe ich die beiden am Sonntagmittag übernommen und auf dem Oberalppass die technischen Prüfungen mit ihnen gemacht. Danach war Tourenvorbereitung angesagt. Für den Montag hatte ich den Gr. Ruchen auf dem Programm. 0430 fuhren wir in Andermatt ab, ins Brunnital zu unserem Ausgangspunkt. Auf etwa 1500 m begannen wir die Tour. Zuerst durch den Wald zu den Ausläufern der Ruchenchälen – Lawinenreste, die wir überstiegen und immer höher, an der Ruchen N-Wand vorbei auf den Ruchchälenpass hochstiegen. Hier strahlte uns die Sonne entgegen. In der Chälen war es noch einigermassen kühl und der Schnee war pickelhart gefroren, so dass kein Spielraum für Fehler bestand.



Über den Ruchenfirn gings weiter hoch bis zum Gipfelaufbau. Hier deponierten wir die Skis und stiegen in kombiniertem Fels/Schnee Gelände am Kurzen Seil hoch auf den Gipfel. Einige Stellen sicherten wir, weil der Schnee von der Morgensonne schon hoffnungslos aufgeweicht und entsprechend nass war. Auf dem Gipfel verzog sich auch die kurzfristig aufgekommene Quellbewölkung, die sich für uns in Form von Nebel bemerkbar machte und wir konnten das ganze Urner Alpen Panorama bewundern. Der Abstieg vom Gipfel erforderte nochmal einige Konzentration. Dann drängte ich zur Abfahrt, da es immer wärmer wurde.
Meines Erachtens war nun der obere Teil der Chälen soweit aufgeweicht,  dass die Abfahrt nun angenehm sein sollte. In leicht angesulztem Schnee genossen wir die Abfahrt durch die Chäle zurück zum Auto. Eine grossartige Tour mit allem was es braucht lag hinter uns. Am Abend stand die Tourenvorbereitung für den nächsten Tag an. Die Titlis Rundtour.

Auf 0705 habe ich uns bei Christof Bissig für die erste Fahrt angemeldet. Um halb sechs fuhr uns der Chauffeur nach Engelberg, wo wir per Bahn den Klein Titlis erreichten.  Auf der Nordseite war der Schnee noch hart gefroren, die Querung zum Hinteren Titlisjoch war dementsprechend etwas heikel, da wir uns in Absturzgelände aufhielten. Die beiden Skialpinisten richteten die Abseilstelle mit den zwei 50 m Seilen ein. Als ich an zweiter Stelle ans Seilende kam, war schon ein kleines Podest vorbereitet, wo ich mich ausbinden konnte. Es folgte ein Abstieg der von Pierre schon gespurt war auf ein kleines Band, wo wir die Skis wieder angezogen haben. Der Schnee war hier schon recht weich, die Sonne knallte in den Kessel hinein und wärmte die weisse Masse auf. Es folgte eine schöne Abfahrt ganz nach links rüber zur Einfahrt ins Couloir mit den weiteren Abseilstellen.



Eine Schneeverankerung wurde erstellt, um den Zugang zur ersten Kette mit einem Geländerseil abzusichern. 45 m abseilen durch einen Schmelzwasserbach, welcher die Seile ziemlich durchnässte. Auf dem Band entschied sich der Führende für das Abseilen auf der rechten Seite, über die Platten hinunter. Ich hatte meine Bedenken, auch wegen des Gerölls und war mir nicht sicher, ob das Seil auch wirklich bis zu einem guten Platz reichen würde, wo die Skis wieder an einer angenehmen Position angeschnallt werden konnten. Normalerweise seilt man ab der linken Abseilstelle durch den Riss ab. Doch ich liess sie machen, nur so können sie etwas lernen. Nach einem weiteren Umfädeln an einem Stand mitten in der Platte, erreichten wir den Schnee, ab wo wir auf die Fläche des Schwarz Berg abfuhren, anfellen und über die steile Kehle hoch auf den Wendengletscher, über welchen wir das Joch unterhalb des Grassen Biwaks erreichten. Es war inzwischen 13 Uhr geworden. Die Abseilmanöver haben uns mehr Zeit in Anspruch genommen als geplant war. Eigentlich wollten wir noch weiter bis zur Spannort Hütte queren. Doch bei vorgerückter Zeit und sehr weichen Schneeverhältnissen entschloss sich der Führende noch den Grassen zu besteigen, danach zurück zum Biwak am Grassen und dort übernachten. Ok. Anseilen und hoch zum Gipfel. Auf der Abfahrt fand der Führende immer wieder den noch einigermassen fahrbaren Schnee.
Im Grassen Biwak war nun anfeuern angesagt, Schnee holen und schmelzen. Ebenfalls musste ein Pfad über etwa 60 Meter bis zum WC geschaufelt werden. Tee kochen und Teigwaren in die Pfanne werfen.  Die Wolken hüllten das Biwak nun ein, es begann zu winden und zu regnen. Ich rechnete damit, dass sich das Wetter in der zweiten Nachthälfte wieder bessern würde und es noch abstrahlen könnte. Doch mein Wunsch ging nicht in Erfüllung, am Morgen windete es immer noch, es war bedeckt und neblig. Auf dem Gang zum WC um halb Sechs hatte der Schnee nicht angezogen, obwohl ein Wetterbericht die Nullgradgrenze auf 2900 m prognostiziert hatte. Das hätte eigentlich reichen müssen… Naja.
So räumten wir das Biwak noch auf und fuhren nach der LVS Kontrolle über den Wendengletscher ab. Die beiden Gebirgsspezialisten haben für den heutigen Tag die Nordflanke vom Wendenhorn zum Uratstock geplant. Für mich war schon am Vorabend klar, dass ich das nur bei gefrorenem Schnee bewilligen kann. Diese Flanke ist um 45 Grad steil und bei diesen Temperaturen meines Erachtens zu heikel. Als der Führende stoppte, die Felle aufziehen liess und das weitere Vorgehen mitteilte, trug ich keine Handschuhe. Es musste also recht warm sein, wenn ich diese nicht brauchte. Der Schnee hatte auch keine Kruste gebildet und schon mit den Skis sanken wir etwas ein. Er hielt immer noch an seinem Plan fest, als ich ihn nach dem Ersatzprogramm fragte. Nach kurzer Diskussion entschloss er sich, über das Grassenjoch die Tour weitrzuführen. Danach hinunter zu Stöss, wo wir dann die vorgesehene Abfahrtsroute wieder treffen würden. Das Ziel war Klein Sustli, um so auf der Strasse weiter bis zur Gitzichrummenflue abzufahren, wo ich den Chauffeur organisiert habe, der uns dort wieder abholt. So setzten wir den Aufstieg Richtung Grassenjoch fort. Dabei lernten wir, nicht zu nahe an einem Sérac vorbeizulaufen und die Spur so direkt wie möglich zu legen. In angenehmem Tempo und Steilheit stiegen wir hoch zum Joch. Auf der anderen Seite trafen wir wider Erwarten auf schöne Schneeverhältnisse für die Abfahrt. Bei Stöss oberhalb der Felsbänder wurde der Führende unsicher. Er fuhr ab, wollte sich ein Bild des unteren Teiles machen, um einen Durchschlupf in den Felsen zu finden. Er liess uns richtigerweise oben warten. An der Entscheidungsstelle überlegte er kurz, kreuzte dann die Skistöcke und teilte uns mit, dass wir die Felle wieder montieren sollten. Wir besprachen kurz, wo ein optimaler Entscheidungspunkt gewesen wäre, wo alle Seiten hätten eingesehen werden können…                                                                                                                                                      
Während der Gruppenführer wieder hochstieg, wechselte ich den Führenden, so dass er sich schon mit dem weiteren Vorgehen auseinandersetzen konnte. Er entschied sich für eine Kehle, die er hochsteigen wollte, um oben ein Plateau zu erreichte, auf welchem man auf den Sommerweg trifft. Dieser Aufstieg eignete sich gut, um nochmals die Feinheiten der Spuranlage zu verbessern… Um nicht in die aperen Geröllzonen zu gelangen, stieg der Führende noch weiter auf, bis kurz unter die Felsen des Westausläufers des Murmetplanggstocks. Eine genussreiche Abfahrt führte uns zur Sustli Hütte. Hier das grosse Werweisen: Die beiden haben geplant, dass sie dem Weg entlang unterhalb der Chanzelflue queren wollen, um so möglichst direkt zur Gitzichrummenflue zu gelangen. Als ich die Variante über den direkten Hüttenweg ins Spiel brachte, weil mich ihr Vorschlag nicht überzeugen konnte, waren sie noch unsicherer geworden.             
Sie wollten vermeiden, sich auf der Strasse mit Stockschüben vorwärtsbewegen zu müssen. Also doch die lange Querung!? Ich konnte sie dann überreden, meinem Gefühl zu folgen und sich für die direkte Hüttenabfahrt zu entscheiden.
So begannen wir die Abfahrt über den Hüttenweg in sulzigem, aber noch gut fahrbarem Schnee. Später hätte es aber nicht mehr sein dürfen… Zwischendurch über die Leitern absteigend, gelangten wir in schönen Schwüngen zur Strasse und auf deren Schneeresten angenehm bis zum Tunnel vor unserem Treffpunkt mit dem Chauffeur. Von hier weg war Schluss. Skis kurz fünf Minuten tragen. Der Chauffeur war schon da und fuhr uns zurück nach Andermatt, wo wir kurz nach dem Mittag eintrafen. Hier konnte ich meine beiden Kandidaten wieder dem Zugführer übergeben.                     
Der Auffahrtsurlaub stand bevor. So musste niemand gross motiviert werden, um möglichst schnell in die «kleinen Ferien» entlassen zu werden...



Es waren für mich coole aber auch sehr anstrengende, lange Tage, mit wenig Schlaf, viel Präsenz und flexibler Tourenplanung, da die Verhältnisse und das Wetter nicht immer leichte Entscheidungen zuliessen.

Für die Jungs waren es – nach ihren eigenen Worten - tolle, erlebnis- und lehrreiche Tage in den Urner Alpen!


PdG 2018    -    Wieder viel Krampf und Kampf

Erneut konnte uns Beat für einen weiteren Start an der Patrouille des Glaciers nach 2016 motivieren. Dieses Jahr trainierten wir alle selbständig, Beat und Sämi nahmen vorgängig an der Trophée des Muverans teil. Ich hatte noch mit der Ausheilung der Bizepssehne zu kämpfen, doch das erwies sich als handelbar. So trainierte ich meine Beinmuskeln im Gym, auf dem Laufband, Velo und beim Joggen. Etwa 12'000 Skitouren-Höhenmetern als Vorbereitung mussten reichen.

Wir reisten, wie schon vor zwei Jahren, drei Tage früher nach Zermatt an, um uns akklimatisieren zu können, um das Gummiseil vorzubereiten und es auf der Piste dann auch auszutesten.
Vor dem Wettkampf erfuhren wir, dass unsere Startzeit um 10.45 sei. Allgemeines Erstaunen, da ich uns doch auf 22 Uhr eingetragen und angemeldet habe, damit wir genügend Zeit finden würden um nicht plötzlich unter Stress den ein oder anderen Posten anrennen zu müssen. Bei Luciano Fieschi, dem Chef Sicherheit der Tour, versuchte ich noch die Startzeit zu verschieben, aber es war schon alles bis ins Detail geplant, so dass keine Änderungen mehr möglich waren.
Also nochmals eine Hochrechnung. Dieses Mal sind wir gesund, haben eine etwas bessere Seiltechnik und auch in den Abfahrten sollten wir noch einige Minuten herausholen können. Könnte knapp werden – sollte aber gehen. Doch die Strecke wurde wegen Nassschneerutsch Gefahr auf die Skipiste verlegt und die Zeit bei Schönbiel um 20 Minuten verlängert. Doch auf der Tête Blanche blieb die Durchgangszeit gleich…. Könnte also trotzdem knapp werden.

So gaben wir ziemlich Gas, bis südlich Schönbiel. Hier anseilen, etwas trinken, ein Riegel einschieben und weiter, dem geschweiften Feuerwurm folgend, die nicht enden wollende Strecke hoch zur Tête Blanche auf 3650 m. 2000 Höhenmeter und einige Kilometer Distanz waren geschafft. Die Verhältnisse waren optimal. Nicht zu kalt aber der Schnee war gefroren. Im oberen Teil montierten wir die Harscheisen, welche das Vorwärtskommen klar erleichterten. Auf der Tête dann abfellen, essen, trinken und die Abfahrt Richtung Col de Bertol. Dabei entging mir, dass es zum Col de Bertol noch ein rechtes Stück Gegenanstieg zu bewältigen gab. Ich unterschätzte die Sache total, liess die Felle wegnehmen und die Skis buckeln. Doch schon bald erwies sich die Unterlage als nicht so stabil wie erwartet und ich begann einzusinken. Auch der Übergang war noch weit und breit nirgends zu sehen. So entschloss ich mich, wieder die Felle aufziehen zu lassen und traditionell bis zum Übergang aufzusteigen, was sich als die beste Lösung zeigte.
Vom Übergang nach Arolla hatten wir rund 25 Minuten für die Abfahrt. An der Verpflegungsstation erwarteten uns Magdalena und Sibille mit vollen Getränkeflaschen und Verpflegung. Ich liess mir von Sämi ein Ponstan geben, hatte ich doch schon seit wir die Skis angezogen hatten Knieschmerzen.
Also weiter, die glasig hart gefrorene Piste hoch zum Col de Riedmatten. Die Harscheisen griffen nicht richtig, immer wieder rutschte ich weg. So klappte ich die Eisen wieder hoch, sucht den besten Schnee um mit den Fellen den optimalsten Grip zu bekommen. Eine öde Strecke hinein in den morgendlichen Sonnenschein. Die Beine wurden langsamer und schmerzten. Zudem ein unangenehmes Stechen im linken Ellbogen beim Abstossen mit den Stöcken…  Es kann also nie normal laufen – dachte ich. Irgendetwas muss immer sein…



Dies gipfelte mit dem Postendurchlauf beim Col de Riedmatten, wo mich eine Sanitäterin herausnehmen wollte. Offenbar habe ich sehr bleich aus der Wäsche geschaut. Ich erklärte ihr auf französisch, dass ich schon andere Schlachten für mich entschieden hätte und nicht ans Aufgeben denken würde…
Skis aufbinden und hoch zum Col. Auf der anderen Seite an den Fixseilen entlang 150 Meter hinunter. Es war sehr unangenehm. Mit den aufgebundenen Skis im Griesschnee eine 35° steile Flanke an einem Fixseil abzusteigen, an dem die Knoten viel zu weit auseinander gesetzt waren. Die Gebirgsspezialisten haben bei mir gelernt, dass solche Passagen angenehm zu begehen sein müssen… Wieder mal nichts begriffen – doch der gute Wille zählt. Ich hab mich gnadenlos darüber genervt. Bei der ersten Möglichkeit zog ich die Skis wieder an und fuhr in etwas ruppigem Gelände neben den Seilen ab, wo ich Beat und Sämi wieder einholte und auf sie wartete. Die Abfahrt zum Pas du Chat lief gut, immer noch alles hart gefroren. Dann die lange Strecke zum nächsten Posten in La Barma. Felle montiert, es folgte eine endlose coupierte Strecke, kräftezehrend und langweilig. Plötzlich kam Hektik auf, wir sind zu spät, wir müssen Gas geben. Ich hatte grad eine Kriese, konnte momentan nicht so richtig mithalten. Sämi gab den Takt an. Weiter vorne band ich Beat ans Seil ein,  um ihn von Sämi ziehen zu lassen. Sie starteten, als ich noch einen Schluck trank und einige Mühe bekundete, den Rucksack anzuziehen. So hatte ich rund 50 Meter Rückstand eingehandelt, den ich nur sehr mühevoll verringern konnte. Zu allem Überfluss hatte ich noch zwei langsame Patrouilleure vor mir. In den engen Passagen oberhalb des Stausees hatte ich keine Möglichkeit, sie zu überholen. So verlor ich weiter an Terrain.  Als ich dann endlich überholen konnte hatte ich etwa 100 Meter Rückstand. Ich gab alles und kam immer näher ran. Kurz vor der Zeitmessung kamen Helfer mit Wasser und Orangenschnitzen entgegen. Ich wollte trinken und essen, doch Sämi rief laut ich soll mich beeilen, die Zeitlimite sei bald durch. Ich ass kurz einen Orangenschnitz und lief durch die Zeitmessung.
Huch, gerade noch so geschafft, um 10.14.45 durchlief ich die Zeitmessung – bei 10.15.00 wäre Kontrollschluss gewesen. Viel, viel Glück gehabt. Jetzt aber Pause. Für die Strecke bis zur Rosablanche haben wir wieder genug Zeit. So passierten wir problemlos mit Rückenweh den Übergang an der Rosablanche, wo erfahrungsgemäss Leute mit Cola, Wasser und Bananen am Wegrand standen – so auch diese Mal. Dankend nehmen wir das Cola an und fahren kurz ab, Gegenaufstieg und Abfahrt unter den Col de la Chaux.
Nach der Station, wo die Felle wieder aufgeklebt werden, stand eine Gruppe von Skitouristen. Ein Belgier fragte, ob ich ein Bier möchte, Vodka hätte er auch – schneegekühlt! Ich bedankte mich und entschied mich für das Bier – es sei ein Kirschbier, fügte er bei. War mir egal, Bier ist Bier, vor allem etwas zu trinken und etwas Alkohol schadet nichts, vor dem letzten (normalerweise kurzen) Aufstieg zum Col de la Chaux. Ich nahm einen Schluck aus der Flasche – huch ist das Bier stark – gutes Kirschen Aroma…        
Allmählich schaltete meine Wahrnehmung wieder ein. Dem Bier war Kirsch beigemengt… Es war also ein sehr starkes Bier. Ich gab es weiter, bekam es dann wieder, nahm noch vier, fünf Schlücke und gab es dann dem Belgier zurück. Merci, super Bier…. Aber stark!       

Ohne grösserer Probleme stapfte ich hoch zum Aufbindeplatz und stieg sogleich weiter hoch, wo ich ziemlich entspannt oben auf die beiden Kameraden wartete. Doch der Durst wurde immer grösser. Eine Stunde später erreichten wir nach einer veritablen Sulzabfahrt die Strassen von Verbier, wo wir nach 16 Stunden, 5 Minuten und 35 Sekunden, rennend die Ziellinie überquerten. Es waren noch erstaunlich viele Zuschauer da, die uns zujubelten und gratulierten. Im Ziel dann die allgemeine Gratulationsrunde, ein paar Photos von Fotografen, dann Material ablegen und ein Bier trinken. War das gut… und die Patrouille Suisse flog wieder nur für mich!    



Trotz allem ein super Erlebnis – doch die Frage «warum tust du dir das an» stellte sich schon wieder. Warum diese lange Strecke? Warum mit dem klassischen Skitourenmaterial? Warum mussten die Knie-, Ellbogen- und Rückenschmerzen sein? Warum bekamen wir diesen Stress in La Barma? Gerade 15 Sekunden waren wir von der Disqualifikation entfernt…  Warum das alles?

Weil es eine unglaubliche Teamleistung ist, welche diese grosse Herausforderung ermöglicht und weil ich mit dem Material an die PdG gehe, welches ich auch bei normalen Skitouren benütze. Vielleicht war ich der einzige, der noch mit schweren Skis und mit der Diamir Eagle unterwegs war und mit dem klassischen Exped Rucksack – vielleicht. Doch es musste so sein…
                           

Überschreitung der Walenstöcke

Vor einem Jahr habe ich zusammen mit einem Gast den Laucheren und den Sättelistock Ostgrat von der Rugghubel Hütte aus überschritten. Am Brotmesser des Laucherenstockes drohte mir kurzzeitig das Herz in die Hose zu fallen. Es war sehr, sehr ausgesetzt, mindestens mal diese eine Seillänge. Der Weiterweg zog sich hin, auf dem Schyeggstock hatten wir dann die Tour abgebrochen, stiegen über die weite Mulde hoch zum Rigidalstock und über den Klettersteig wieder zum Brunni, wo wir natürlich die letzte Bahn verpasst hatten und bis nach Engelberg zu Fuss absteigen durften.
Diesmal ging ich die restlichen Gipfel und Grate von Engelberg her an. Mit der Ristis Bahn und dem Sessellift liess ich mich zum Brunni befördern, wo ich mich in Richtung Rigidalstock aufmachte. Druch die weite Mulde absteigend erreichte ich die Schyegglücke. Über eine Rinne der Westflanke zog die Route hoch und wieder zurück. Nach eine paar Schlücken aus der Flasche folgte ich dem Verbindungsgrat zum Spitzmann Ostgrat, der mich anfänglich recht beeindruckte. Doch je höher ich kam, desto sicherer fühlte ich mich und erreichte den Gipfel des Spitzmannes recht zügig. Auch der Abstieg gelang mir recht zügig, die vielen erstaunlichen Felseinschlüsse «Chickenheads» boten oft sehr gute Tritte am ansonsten zwar relativ einfachen, aber nicht zu unterschätzenden Westgrat. Den Rigidalsattel umging ich rechts und erreichte den Grat oberhalb des Grassattels. Über den Ostgrat stieg ich weiter, in herrlicher Genusskletterei, ein paar schwierigere Stellen anpackend hoch und erreichte um ein Uhr den Gipfel des Rigidalstockes. Der Kreis hat sich geschlossen. Nach einer kurzen Trink und Schoggi Pause begann ich den Abstieg über den Klettersteig. Bei Agnes in der Brunni Hütte kehrte ich noch kurz ein, bevor mich die  Bahnen wieder nach Engelberg schweben liess. Eine super Grat Tour war Vergangenheit. Gerne erinnere ich mich an die grossartigen Eindrücke dieser alpinen, oft ausgesetzten Tour, die sich über weite Strecken noch im Urzustand befindet.




Erlebnis – Patrouille des Glaciers 2016

Als mich Beat, ein sehr guter Gast von mir, letztes Jahr per SMS anfragte, ob ich mit ihm an die Patrouille gehen würde, war ich mir anfangs unschlüssig. Das heisst, viel trainieren und mich darauf einstellen, dass ich während des gesamten Rennens viele Leute rund um mich haben würde, was ich normalerweise nicht mag, da ich dabei immer ein ungutes Gefühl habe.
Ich begann mit Intervall Training und sah bald Fortschritte, worauf ich Beat zusagte. Sein zukünftiger Schwiegersohn Sämi, ein Arzt aus Sankt Gallen wird der Dritte in der Patrouille sein. Um Weihnachten machten wir mal zusammen ein Training, mit Beat war ich sonst noch drei Mal auf einer Skitour.
Ich fühlte mich gut, als ich am Samstag, dem 16. April nach Zermatt fuhr, wo ich in Beats Ferienwohnung untergebracht war. Nur mein Knie machte mir noch Sorgen, denn beim Abschlusstraining vor einer Woche, fing es plötzlich an, unangenehm weh zu tun, so dass ich es noch beim Hausarzt checken liess. Er fand aber auch nichts Aussergewöhnliches, so dass er mir Starterlaubnis erteilte.
Am Sonntag war Akklimatisation und das Fahren am Seil auf dem Kleinen Matterhorn angesagt, dazu nahmen wir viel Nahrung zu uns. Am Abend hausgemachte Pizza und Dessert. Für den Montag planten wir nochmals die Fahrt mit der Bahn zum Kleinen Matterhorn, die Besteigung des Breithorns und nochmals ein Seilfahr-Training.
Doch es kam alles anders. Am frühen Morgen des Montags fühlte ich mich unwohl und bald darauf musste ich erbrechen und hatte Durchfall. Beat, Sämi und die Familie ging auf das Kleine Matterhorn, während ich mich bis am Mittag nicht besser fühlte. Nachdem ich in Zermatt einige Medikamente und Cola gekauft hatte, beruhigte sich mein Zustand langsam. Ich begann auch wieder etwas zu essen, doch mehr als zwei, drei Bisse von einer Banane lagen nicht drin. Das Abendessen liess ich aus, der Geruch der Spaghettis widerstand mir, ich musste mich höflich vom Essen verabschieden. Nach einer entspannenden Nacht fühlte ich mich recht gut, ass eine ganze Banane und eine halbe Schokolade, dazu trank ich Cola.
Vor dem Mittagessen durchliefen wir in der Triftbachhalle noch die obligatorische Materialkontrolle, die sehr gut organisiert war. Es freute mich sehr, Luciano Fieschi dort zu treffen. Er arbeitete früher auch in Andermatt.
Von meiner halbe Portion Spaghetti vermochte ich nur einen Drittel zu essen. Gegen meine normale Gewohnheit, musste ich den Rest des Essens stehen lassen.
Also, nochmals zurück in die Wohnung, ausruhen und um halb Fünf in die Kirche – zur Wettkampf Info und zur Segnung. Oskar Freisinger sprach gut in vier Sprachen. Auf dem Spaziergang hoch in die Ferienwohnung fühlte ich mich wieder recht gut. Noch kurz hinlegen, letzte Checks der Ausrüstung und um viertel vor neun runter auf den Bahnhofplatz zum Start. Nochmals Materialcheck und Fassung des GPS Peilsenders und der Transponder für die Zeitmessung.
Am 19. April 2016 um zehn Uhr am Abend, startete das Rennen, mit aufgebundenen Skis, zu Fuss bis Stafel in Laufschuhen, mit welchen ich einmal in eine grosse Wasserpfütze trat und fortan einen nassen rechten Fuss hatte. In Stafel hiess es dann: Skis vom Rucksack nehmen, Laufschuhe mit Skischuhen tauschen, Laufschuhe in den Rucksack, kurz etwas trinken und dann weiter auf den Skis in Richtung Kontrollposten unterhalb der Schönbiel Hütte. Bis hierher war das Tempo recht hoch, doch ich fühlte mich während diesen ersten zweieinhalb Stunden recht gut. Anseilen, Seilverkürzung und weiter geht es, zuerst flach, dann hoch zum Stockji, gefolgt vom Plateau und einer Steilstufe, die sehr hart und mit den Skis sehr unangenehm zu laufen war. So entschloss ich mich, die Skis kurz auszuziehen. Allmählich verlor ich die Leichtigkeit der ersten zwei Stunden. Ich wurde klar langsamer und nach und nach merkte ich wie meine Kräfte schwanden. Nur noch langsam führte ich meine Patrouille von Plateau zu Plateau hoch zur Kontroll-Passage auf der Tête Blanche. Der Weg wurde gefühlsmässig immer länger, er wollte nicht mehr enden. Nach jedem Aufschwung kam ein neues Plateau mit einem weiteren Aufschwung. Psychisch und physisch völlig zerstört, erreichte ich mit meiner Patrouille den Posten vor der Tête Blanche. Toni Niffeler, mein bester Freund, war auf diesem Posten. Zufällig sah er mich. «Du siehst schlecht aus» sagte er, «willst du etwas zu trinken?» «Hast Du Etwas?» fragte ich geistesabwesend. Er brachte mir einen Becher Tee. Ich versuchte zu trinken, zwei, drei Schlucke, dann hatte ich wieder genug. Toni zwang mich zu Trinken, wollte mir den Tee fast gewaltsam einflössen. Ich hätte so gerne literweise getrunken, aber es ging einfach nicht. Mein Körper war durch den Magenvirus so ausgelaugt, dass ich unter Belastung kaum noch was aufnehmen konnte – wie denn auch, ich konnte ja ohne Belastung schon kaum Nahrung aufnehmen.
Wir fuhren dann am Seil wieder ab Richtung Col de Berthol. Es hat gut getan, Toni zu sehen.  Auf der Abfahrt konnte ich mich marginal erholen, oben, bis Berthol, war der Schnee noch pulvrig, danach bis Arolla zum Teil hart und eisig. Mit meinem Daymaker Lichthelm hatte ich immer gutes Licht und konnte mich auf das Terrain konzentrieren. Auf dem Col de Berthol seilten wir los und konnten wieder etwas freier abfahren.

In Arolla war der erste Verpflegungsposten, wo die Betreuer zugelassen waren. Magdalena, die Frau von Beat und Vera, eine Arzt-Kollegin von Sämi haben uns um fünf Uhr früh Trinken und Energieriegel gebracht, mit ihrer sehr liebenswürdigen Art haben mir die beiden Frauen wieder Mut gemacht und mich animiert gegen mein Verlangen noch einen Energieriegel zu essen und einen weiteren mitzunehmen. Ich sagte zu Vera noch, am liebsten hätte ich intravenöse Kohlenhydrate, den Tränen nahe – oder noch näher.

«Also komm Tom, du bist auch unter diesen Umständen immer noch stark genug, du gibst hier nicht auf – du gehst hier durch! Für dich und für deine Teammitglieder – du würdest es dir dein ganzes Leben vorwerfen, wenn du dich jetzt aufgibst – kämpfe, das kannst du am besten!».
So versuchte ich mich wieder für die nächste Etappe - 800 Höhenmeter - hoch zum Col Riedmatten zu motivieren. Wie haben wir das alles in der Schneesport Lehrer Ausbildung im Leistungsmodell gelernt? – die mental-taktische Kompetenz – Willen steuern: Visualisieren, Atmung und positive Selbstgespräche. Das war theoretisch alles klar, aber jetzt, wenn du völlig fertig bist, dein Körper keine Energiereserven mehr hat, holt dich die Realität wieder ein.
Ich bedankte mich bei Vera und Magdalena noch einmal für ihre Hilfe und stieg dann mit meiner Patrouille weiter in Richtung Col Riedmatten. Wie abgesprochen habe ich nun das Seil, das ich bisher getragen hatte an Sämi abgegeben. Auch die Laufschuhe habe ich Magdalena abgegeben.
So stiegen wir - jeder in seinem Rhythmus - die Skipiste hoch, langsam in den Morgen hinein. Es ist nicht ganz so einfach, dich beim Aufstieg über eine steile Skipiste zu motivieren während du auf der vereisten Fläche dauernd ausgleitest und so weitere Energie verlierst…
Vor dem Steilaufschwung beim Col Riedmatten, entfernten wir die Felle und banden die Skis wieder auf, um den Col zu passieren, wobei ich während des Aufstieges jeden einzelnen Schritt zählte. Auf der anderen Seite stiegen wir etwa 100 Höhenmeter durch ein steiles mit Ketten und Seilen ausgerüstetes eisiges Couloir ab. Skis wieder anziehen und Abfahrt bis Pas du Chat. Danach Felle wieder aufkleben und unendlich lange vier Kilometer entlang des Lac des Dix bis nach La Barma. Beat lief für mein Gefühl ein gnadenloses Tempo, ich konnte ihm gerade so folgen aber alles voll am Limit. Bei der Verpflegungsstelle in La Barma musste ich zuerst mal trinken. Drei Helikopter standen da, einer war in der Luft – es wäre so einfach, hier aufzugeben und mit dem Helikopter wegzufliegen – noch lagen viele Höhenmeter vor uns.
Mein Körper kam mir in diesen Momenten vor, wie ein Schwellbrand in einem Wald - du versuchst zu löschen, hast für einen Augenblick das Gefühl, dass du ihn gelöscht hast, bis kurz darauf an einem anderen Ort schon wieder das nächste Feuer entfacht wird – und so weiter und so fort.
Es war nur noch ein Problembekämpfen – keine Rede mehr von Problemlösungen!

Beat hielt zur Eile an, da wir knapp an der Zeit wären und zuerst die Zeitkontrolle passieren sollten, bevor wir uns verpflegten. Doch nach der Zeitkontrolle kann man nicht mehr zurück… Diesmal hat sich Beat geirrt. Wir waren soweit gut in der Zeit, hatten fast eine Stunde Vorsprung auf den Kontrollschluss. Vor den nächsten 1000 Höhenmetern hoch zur Rosablanche nahm ich mir noch einmal eine gute Pause mit etwas Energieriegel und trinken. Doch ich konnte einfach nichts essen. Ein Biss, dann hatte ich wieder genug. Ich sagte Beat, er solle das Tempo nun ein wenig drosseln. Anfänglich gelang ihm das gut, fiel dann aber wieder in seinen ursprünglichen Tramp hinein. Ich versuchte, so gut es ging dranzubleiben. Oft lief ich in Gefahr, den Anschluss zu verlieren, aber irgendwie blieb der Abstand immer etwa gleich. Vor der Rosablanche, schnallten wir die Skis wieder auf den Rucksack. Über eine Doppelspur stiegen wir bis zur Schulter hoch und dann auf einer Dreifachspur kämpfte ich mich mit letzter Kraft hoch bis zur Passage auf der Rosabanche. Ich zählte etwa 800 Tritte – oder waren es mehr? Auf der Rosablanche bot mir ein Zuschauer Wasser und Cola an, was ich dankend annahm. Abfahrt hinüber zum Col de Momin, kurz Felle montieren, Felle wieder ab – Abfahrt zum Lac du Petit Mont Fort – Felle montieren und noch einmal 180 Höhenmeter hoch zum Col de la Chaux. Nun ist der letzte Anstieg geschafft. Es geht nur noch hinunter. Konzentriert bleiben, den Markierungen folgen und keinen Unfall mehr machen, jetzt nach etwa 16 Stunden, einigen Kilometern Distanz und 4000 Höhenmetern. Die Abfahrt verlief gut. Der Schnee war sulzig. Es gab viele Querungen wo noch einmal geskatet oder geschoben werden musste. Doch nach 16 und einer halben Stunde erreichten wir das Ziel in Verbier unter dem Beifall der immer noch anwesenden Zuschauer. Die letzten 100 Meter vor dem Ziel legten wir im Laufschritt zurück. Im Ziel ballte ich kurz meine linke Faust. Ich habe es geschafft, habe durchgehalten, durchgebissen, mich motiviert und gegen mich und alle Widerstände gewonnen.
Im Ziel wurden wir wieder von Magdalena und Sibille erwartet, die uns Trockenfleisch, Brot und Käse auftischten. Ich genoss es sehr. Nach dem ersten Durchschnaufen trank ich ein Bier, es tat gut, endlich nicht mehr laufen müssen, nicht mehr auf die Zeit schauen, nicht mehr um den Anschluss zu kämpfen, nicht mehr zu leiden.
In diesem Augenblick flog die Patrouille Suisse ihre Loopings über Verbier – ich schaute lange zu - ein grandioser und emotionaler Augenblick – die fliegen nur für mich – dachte ich mir…





Gewitter am Grossen Spannort

Es war eine Woche mit flacher Druckverteilung. Wir, Fredi und ich führten meine Grundausbildungswoche durch. Das Wetter zeigte sich die gesamte Woche von der wechselhaften Seite, so dass wir uns an diesem Mittwoch auf Grund der Wettervorhersage dazu entschieden, unsere Gipfeltour heute zu unternehmen. Wir hatten zusammen 12 TeilnehmerInnen im Kurs. Eine Teilnehmerin traute sich diese Tour aus konditionellen Gründen nicht zu, so dass sie in der Hütte blieb und mit Marianne, die damals noch Hüttenwartin der Spannort Hütte war, das Abseilen nochmals repetierte.
Der Wetterbericht sagte noch akzeptables Wetter voraus, auf den Nachmittag, so ca. 14 Uhr meldete er Gewitter aus Westen. Also beeilten wir uns, stiegen früh aus den Federn und erreichten bald die Schlossberg Lücke. Der Himmel war noch teilweise offen, während wir über den Glattfirn am Schwarzstöckli vorbei zu den Einstiegsfelsen des Grossen Spannortes stiegen. Am Einstieg umhüllte uns dann der Nebel. Ich besprach mich kurz mit Fredi. Es war etwa vormittags um Neun Uhr. Wir waren uns einig, den Aufstieg fortzusetzen. Der Nebel würde uns nicht stören. Wir kennen das Gebiet ja wie unsere Vestentasche, viele der Verankerungen habe ich selber angebracht und schon dutzende Besteigungen durchgeführt. Zudem lagen wir gut in der Zeit. So stiegen wir in verschiedenen, teils von unseren Kursteilnehmern geführten Seilschaften weiter, über die vier Felsstufen und zuletzt über das Gipfelfirnfeld zum höchsten Punkt. Bei dichtem Nebel standen wir um elf Uhr am Gipfel und assen kurz was.
Ich wollte ohnehin nicht lange oben bleiben, als mich Fredi auf das Surren eines Pickels aufmerksam machte. Ich blies sofort zum Rückzug, liess unsere Gäste zusammenräumen und besprach mich mit Fredi, dass er mit seiner Gruppe unverzüglich den Abstieg in Angriff nehmen würde und laufend unterhalb der Abseilstellen die Leute sammelte und mit ihnen weiter abstieg, während ich laufend die Gäste abseilte und dann mit den letzten folgte. Auf dem Abstieg zur ersten Abseilstelle fing es an zu Gewittern. Es blitzte über uns, gleichzeitig liess der Donner die gesamte Umgebung erzittern. Nichts wie runter, weg, von den exponierten Stellen. Während die Gäste vor der Abseilstelle warteten und ich laufend Leute abbremste, liess ich die Gäste ihren Regenschutz anziehen und schaute, dass sie keine allzu grosse Silhouette im Gelände abgaben.
Während der Abbremsarbeiten begann es fürchterlich zu regnen. Ich war innerhalb kürzester Zeit völlig durchnässt, da ich noch nicht dazu kam mir die Jacke überzuziehen. Ich hatte andere Prioritäten. Bald war die ganze Gruppe unterhalb der Stufe zusammen und in den bekannten Seilschaften stiegen wir weiter ab zur mittleren Felsstufe. Inzwischen fing es an zu hageln. Innerhalb von kürzester Zeit lag fünf Zentimeter Hagel auf dem Schutt und den Platten. Vorsicht war angesagt. Immer noch wütete das Gewitter. Donner folgte unmittelbar auf die Blitze. Das Gewitter muss direkt über uns sein… Wieder überwand Fredi mit seiner Gruppe die zweite Abseilstelle, ich folgte so schnell und sicher ich konnte. Hier hatte ich kurz Zeit meine Jacke überzustreifen, doch ich war schon völlig durchnässt und fror wie ein Schlosshund. Wenigstens hielt die Jacke den Wind etwas ab – die Finger waren jedoch längst klamm und nur noch langsam zu bewegen. Wann hört denn dieses Gewitter endlich auf? Normalerweise dauert der Durchzug im Sommer nur einige Minuten – jetzt waren wir schon eine gute gefühlte halbe Stunde unterwegs. Über die Felsstufen hinunter auf das Plateau welches zum Band und nach links zur letzten Abseilstelle führte, wurde mir wieder etwas wärmer. Doch während ich Fredi und alle weiteren Gäste auf den Gletscher in Sicherheit abseilte, wurde mir wieder saukalt. Meine Zähne klapperten, während des Abbremsens. Die Blitze haben sich nach Südosten verzogen und der Nebel lichtete sich. Die Anspannung liess etwas nach, als der letzte Teilnehmer auf dem Gletscher angekommen war.  Der Niederschlag hatte aufgehört als ich den Gletscher erreichte und wir uns wieder in Dreier- und Vierer Seilschaften organisierten. Nass begannen wir den Abstieg in Richtung Schlossberglücke. Die Sonne zeigte sich zeitweise wieder, so dass unsere Kleider langsam trockneten und die Muskeln und Knochen wieder auftauten.
Auf der Hütte waren alle froh und beeindruckt von den Naturgewalten in den Bergen.

Auch Marianne, war noch am Block vor der Hütte mit der in der Hütte zurückgebliebenen Frau beim Abseilen, als sie die Front sich nähern sah. Es muss extrem schnell gegangen sein. Beim zweiten Mal, als sie mit der Frau abseilen wollte, wurden sie auf dem Block unmittelbar neben der Hütte vom Gewitter überrascht und konnten sich gerade noch in die Hütte begeben, während sie das inzwischen nasse Seil im Gewitterregen aus der Eingangstür heraus abzogen und aufnahmen.

Ein haariger und eindrücklicher Tag ging bei einem leckeren Nachtessen, Wein und Kaffee zu ende. Das Wetter kann in den Bergen manchmal gnadenlos sein….



 
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